Aufräumen mit Vorurteilen

  • Vorurteil Nr. 1: Hübsche Frauen sind dumm!

„Hübsche Frauen müssen dumm sein“, so habe ich mich viele Jahre getröstet. Ich bin zwar nicht unansehnlich, aber aus meinen 181 Zentimetern und 86 Kilogramm (und das ist noch nach unten revidiert) könnte man locker zwei Frauen mit Kleidergrösse 34 machen. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass ich auf Gruppenfotos immer die Grösste und Breitschultrigste bin. Nachdem ich mein Aussehen und meine Statur nur bedingt beeinflussen kann, richtete ich meine Aufmerksamkeit seit jeher auf meinen Intellekt. Bildung bedeutet mir alles. Kluge Gespräche führen, politische Diskussionen, Literatur, Musik, darin bin ich ziemlich gut. Eine Weile fuhr ich ganz gut mit meiner Kosmologie, dann lernte ich Hanna kennen. Eine unendlich hübsche Frau, so sexy, dass ich mir ernsthaft Sorgen mache, ob ihr Mann neben ihr im Bett überhaupt Schlaf findet. (In meiner Fantasie zieht Hanna abends ein kariertes Flanell-Pyjama und wollene Socken an, um ihm das Einschlafen zu erleichtern.) Hanna ist aber nicht nur wunderschön, nein, sie ist klug! So klug, dass ich mir oft ihren Rat hole. Als ich unlängst nach einer sehr, sehr langen Kinderpause wieder zu einem Kongress reiste und dort auch einen Vortrag hielt, sagte ich mir unablässig das Mantra vor, das sie mir mit auf den Weg gegeben hatte: „So wie du dich fühlst, wenn du einen Raum betrittst, so wirst du wahrgenommen. Nutze deine Grösse zu deinem Vorteil. Grosse Frauen werden ernst genommen. Wenn du von dir überzeugt bist, überzeugst du auch andere“. Es hat geklappt.

  • Vorurteil Nr. 2: Sportler*innen sind dumm!

Aber nicht nur hübsche Frauen versah ich lange mit dem Prädikat „dumm“, auch Sportler*innen traf das gleiche, unreflektierte Urteil. Dann fing ich selber an zu laufen. (Sie ahnen es, des Gewichts wegen!) Bald kam ein bisschen Velofahren dazu und – zum Ausgleich für die Bandscheiben – Schwimmen. Das macht aus mir natürlich noch lange keine Sportlerin, aber raten sie, was passiert ist! Beim Joggen kommen mir tatsächlich immer die besten Ideen! Wenn also körperliche Bewegung einen positiven Einfluss auf die Hirnleistung hat, dann können ja Sportler*innen gar nicht so dumm sein!

Soll ich jetzt auch noch gleich mit meinen Vorurteilen gegenüber Porschefahrer*innen aufräumen? Nein, dafür bin ich noch nicht bereit! One step at a time.

Zum Schluss noch dies:

Mein Jüngster hat neulich zu mir gesagt: „Weisst du, Mama, ich bin froh, dass du so gross und stark bist, wie könntest du mich sonst tragen, wenn ich müde bin und mich beschützen, wenn ich Angst habe?“ Na, wenn das kein guter Grund ist sich mit breiten Schultern und 181 Zentimetern zu versöhnen!

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