Das Diversitäs–Serien–Wunder „Bodyguard“

Was für meinen Sohn Fornite, ist für mich Netflix. Abends, wenn das Tagwerk erledigt ist und die Kinder schlafen, schenke ich mir ein Glas Rotwein ein, klappe meinen Laptop auf und tauche ab in die wundersame Welt der Serien. Meist habe ich meinen Konsum im Griff und nach einer Episode ist Schluss. Wie sage ich doch in solchen Situationen immer zu meinen Kindern: „Du kannst ja morgen wieder gamen bzw. youtube schauen“. Aber die britische TV Produktion „Bodyguard“ faszinierte mich derart, dass ich schon kurz nach dem Erscheinungsdatum auf Netflix alle sechs Episoden gesehen hatte. Gottseidank war es das Wochenende mit der Zeitumstellung! Da fiel es nicht so ins Gewicht, dass ich bis halb zwei Uhr morgens gebannt PS David Budd auf seinem Höllenritt durch Intrigen, Verschwörung und Korruption der britischen Regierung, des Geheimdienstes und der Polizei zusah.

Eigentlich sind Agentenfilme in denen mehr geschossen als geredet wird gar nicht mein Ding – sie sind eher das Metier meines Mannes. Ich schaue lieber ‚Teetassenfilme’ – So der Ausdruck meiner Söhne für mein Lieblingsgenre. Das rührt daher, dass sie mir während meiner „Downtown Abbey“ Phase immer just dann über die Schulter sahen, als im Salon des Anwesens von Lord Grantham Tee aufgetragen wurde.

Warum also hat mir „Bodyguard“ so gut gefallen, wo ich doch mit Actionthrillern gar nichts anfangen kann? Der Plot ist spannend, ohne Zweifel. Aber noch spannender finde ich die Tatsache, dass viele Hauptrollen mit Frauen besetzt sind. Frauen in jedem Alter und verschiedener ethnischer Zugehörigkeit. (Letzteres gilt übrigens auch für die männlichen Darsteller!) Frauen, mit denen ich mich identifizieren kann, weil sie mir ähnlicher sind als die typischen Actionheldinnen. Angelina Jolie ist zwar auch über vierzig, aber rein äusserlich habe ich mit ihr etwa so viel gemeinsam, wie eine Designer–Zitruspresse mit der Plastikversion beim Grossverteiler. Ich nehme den Frauen in „Bodyguard“ die Rolle ab, die sie spielen. Egal ob es sich um die Chefin des Polizeidepartments handelt, um die Bombenentschärferin oder die Ermittlerin in Polizeimontur im Einsatzteam. Welch eine wohltuende Abwechslung zu den üblichen Rollen von Frauen in TV Serien, deren oberste Prämisse Jugendlichkeit und Attraktivität zu sein scheint. Denken sie nur an die immer perfekt geschminkte Ermittlerin Kalinda Sharma mit ihren sexy Outfits aus der amerikanischen CBS Produktion „The Good Wife“. Jetzt mal ehrlich, wie bitte soll man in Stiefeln mit derartig hohen Absätzen einen Verdächtigen verfolgen können?

Die Frauen in „Bodyguard“ sind kein schmückendes Beiwerk, sie sind handelnde Personen mit ambivalenten Charakteren. Daher ist es nur folgerichtig, wenn sie ebenso korrupt und machtbesessen sind, wie ihre männlichen Kollegen. Es kann zwar nicht das Ziel des Feminismus sein, dass Frauen genauso häufig Straftaten begehen wie Männer, aber in letzter Konsequenz bedeutet Gleichberechtigung auch die Möglichkeit, dass sich das nur vermeintlich schwache Opfer als Täterin entpuppt.

Aufräumen mit Vorurteilen

  • Vorurteil Nr. 1: Hübsche Frauen sind dumm!

„Hübsche Frauen müssen dumm sein“, so habe ich mich viele Jahre getröstet. Ich bin zwar nicht unansehnlich, aber aus meinen 181 Zentimetern und 86 Kilogramm (und das ist noch nach unten revidiert) könnte man locker zwei Frauen mit Kleidergrösse 34 machen. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass ich auf Gruppenfotos immer die Grösste und Breitschultrigste bin. Nachdem ich mein Aussehen und meine Statur nur bedingt beeinflussen kann, richtete ich meine Aufmerksamkeit seit jeher auf meinen Intellekt. Bildung bedeutet mir alles. Kluge Gespräche führen, politische Diskussionen, Literatur, Musik, darin bin ich ziemlich gut. Eine Weile fuhr ich ganz gut mit meiner Kosmologie, dann lernte ich Hanna kennen. Eine unendlich hübsche Frau, so sexy, dass ich mir ernsthaft Sorgen mache, ob ihr Mann neben ihr im Bett überhaupt Schlaf findet. (In meiner Fantasie zieht Hanna abends ein kariertes Flanell-Pyjama und wollene Socken an, um ihm das Einschlafen zu erleichtern.) Hanna ist aber nicht nur wunderschön, nein, sie ist klug! So klug, dass ich mir oft ihren Rat hole. Als ich unlängst nach einer sehr, sehr langen Kinderpause wieder zu einem Kongress reiste und dort auch einen Vortrag hielt, sagte ich mir unablässig das Mantra vor, das sie mir mit auf den Weg gegeben hatte: „So wie du dich fühlst, wenn du einen Raum betrittst, so wirst du wahrgenommen. Nutze deine Grösse zu deinem Vorteil. Grosse Frauen werden ernst genommen. Wenn du von dir überzeugt bist, überzeugst du auch andere“. Es hat geklappt.

  • Vorurteil Nr. 2: Sportler*innen sind dumm!

Aber nicht nur hübsche Frauen versah ich lange mit dem Prädikat „dumm“, auch Sportler*innen traf das gleiche, unreflektierte Urteil. Dann fing ich selber an zu laufen. (Sie ahnen es, des Gewichts wegen!) Bald kam ein bisschen Velofahren dazu und – zum Ausgleich für die Bandscheiben – Schwimmen. Das macht aus mir natürlich noch lange keine Sportlerin, aber raten sie, was passiert ist! Beim Joggen kommen mir tatsächlich immer die besten Ideen! Wenn also körperliche Bewegung einen positiven Einfluss auf die Hirnleistung hat, dann können ja Sportler*innen gar nicht so dumm sein!

Soll ich jetzt auch noch gleich mit meinen Vorurteilen gegenüber Porschefahrer*innen aufräumen? Nein, dafür bin ich noch nicht bereit! One step at a time.

Zum Schluss noch dies:

Mein Jüngster hat neulich zu mir gesagt: „Weisst du, Mama, ich bin froh, dass du so gross und stark bist, wie könntest du mich sonst tragen, wenn ich müde bin und mich beschützen, wenn ich Angst habe?“ Na, wenn das kein guter Grund ist sich mit breiten Schultern und 181 Zentimetern zu versöhnen!

Er und Sie und Virginia Woolf

Während sie den Kindern das Frühstück richtet und gleichzeitig den Jüngsten Englischvokabeln abfragt, blinkt ein Bild auf ihrem Handy auf. Es zeigt ihn auf dem vom Nebel verhangenen Gipfel des Mount Fuji. Sie spürt sein Adrenalin und seine Euphorie im Text, den er unter das Bild gesetzt hat. Wie immer, wenn er eines seiner grossen Ziele erreicht hat, ist seine erste Botschaft an sie eine Liebesbezeugung. Als würde er alle Ziellinien dieser Welt nur für sie überqueren. Sie gönnt ihm jeden seiner Erfolge. Er arbeitet hart daran, hat kein Mitleid mit sich. Trotz all ihrer Freude an seinen bestandenen Abenteuern schwingt immer auch ein bisschen Traurigkeit mit. Während sie die Eier fürs Omelett aufschlägt, hat er wieder eines seiner Projekte umgesetzt. Sie möchte nicht auf den Mount Fuji, nicht in die Wüste und nicht in die Arktis. Sie möchte die Literaturgeschichte durchwandern, die Museen dieser Welt erkunden, die Wörter und Gedanken in ihrem Kopf zu Marathons und Ultramarathons aneinanderreihen.

Sie hat eine Eigenschaft, die ihm völlig fehlt. Sie ist geduldig, kann warten. Ausserdem muss sie keine Angst haben, dass ihr jemand zuvor kommen könnte. Die Gedanken in ihrem Kopf kennt nur sie, die archäologischen Objekte, auf die sie sich spezialisiert hat, haben schon 2000 Jahre auf jemanden gewartet, der sich ihrer annimmt, sie können noch ein paar Jahre länger warten.

Wenn Sie es aber manchmal nicht mehr aushält und am liebsten aus ihrem Alltag, den der Haushalt und die Kinder bestimmen, fliehen möchte, fleht sie das Schicksaal an, es möge ihr ein langes Leben vergönnen. Sie möchte noch so vieles. Aber die Kinder sind wichtiger. Sie sind im Hier und Jetzt. Sie hat Angst, dass ihr keine Zeit bleiben könnte. Der viel zu frühe Tod ihrer Tante, die sie schmerzlich vermisst, ist ihr persönliches Memento Mori und lässt sie regelmässig erschaudern. Andererseits denkt sie an ihre Grossmutter, die keinen einzigen ihrer Träume verwirklichen konnte und statt dessen ihr Leben in den Dienst anderer stellte. Die Grossmutter war es, die ihr zugehört hat, die sie gewärmt, getröstet, ihr das Gefühl gegeben hat, sie sei einzigartig.

Derart hin und her gerissen zwischen Selbstverwirklichung und Selbsthingabe macht sie das Naheliegendste. Sie schreibt über sich und ihre kleine Welt. Wie Jane Austen, die auch nicht aus ihrem Wohnzimmer hinaus gekommen ist. Denn, so konstatiert Virginia Woolf in ihrem vor bald neunzig Jahren erschienen Essay über Frauen und Literatur (A Room of One’s Own) lapidar, nur wer Abenteuer erlebt, kann auch darüber schreiben. So ist es kein Wunder, dass Jane Austen nicht „Krieg und Frieden“ geschrieben hat, sondern Lew Nikolajewitsch Tolstoi.

Mutter sein

Mutter sein hält mich jung,

wenn ich meinem Jüngsten zuliebe mit einer Achterbahn fahre, vor der ich furchtbare Angst habe und dann mit ihm vor Vergnügen um die Wette kreische!

Mutter sein macht mich alt,

wenn sich meine Buben um ein Spielzeug streiten, das zuvor monatelang unbeachtet in der Ecke gelegen hat.

Mutter sein macht mich geduldig,

denn es dauert lange, bis Buchstaben zu Worten geformt sind, aus Worten Sätze werden und bis schliesslich die erste Seite gelesen ist.

Mutter sein macht mich ungeduldig,

wenn es draussen dunkel wird und mein Ältester noch nicht zu Hause ist.

Mutter sein macht mich fröhlich,

wenn sich mein Grosser nach dem Mittagessen den Mund abwischt und sagt: „Wow, das war wieder lecker heute“!

Mutter sein macht mich traurig,

wenn mein Kind Streit hat mit einem Mitschüler und ich darf mich nicht einmischen.

Mutter sein gibt mir Kraft,

weil ich morgens aufstehen und für die Kinder Frühstück und Znüni parat machen muss. Liegenbleiben ist keine Option.

Mutter sein raubt mir meine Kraft,

wenn ich schon wieder Wäsche sortieren muss! (Habe ich das nicht erst gestern gemacht?)

Mutter sein, es ist das volle Leben und ein verpasstes dazu.

Er und Sie und die Physik

Sie liebt es ihn zu beobachten, wenn sie in grösserer Runde sind. Besonders, wenn er sich mit einer Person unterhält, die ihm intellektuell nicht gewachsen ist. Dann umspielt ein Lächeln seinen Mund, das nur sie als leicht belustigt erkennen kann. Während sein Gegenüber weiterredet, ist er mit seinen Gedanken schon ganz weit weg; bei einem seiner unzähligen Projekte, die er mit nimmer endender Energie umsetzt und die ihn oft lange und weit von ihr weg führen. Sein Lebensweg ist von einem Aktionismus geprägt, bei dem niemand und schon gar nicht sie mithalten kann. Kaum beherrscht er eine Sportart, ein Gerät, eine Technik, sucht er sich eine neue Herausforderung. Nur in einem ist er konstant: in seiner unnachgiebigen Liebe zu ihr. Die Erzählungen von Bekannten, die sich von ihren Partnern getrennt haben, verblüffen sie. Es ist ihr unvorstellbar, dass er sie gehen liesse. Es gab Momente, in denen sie so verletzt war, dass sie ihn verlassen wollte. Er hatte es nie zugelassen. Dafür ist sie ihm sehr dankbar. Sie überstanden jede Krise und waren danach glücklicher als zuvor.

Sie würde sich selber nicht als besonders romantisch bezeichnen, sie ist eher praktisch veranlagt. Aber an die „Liebe auf den ersten Blick“ glaubt sie. Muss sie glauben. Denn genau das war ihr passiert. Was immer in dem Moment geschah, als er in ihr Leben trat, ihr Intellekt, auf den sie sich so viel einbildet, war sicher nicht beteiligt bei der Wahl dieses Mannes, an dem sie sich die Zähne ausbeisst. Es war die Chemie, die stimmte und es ist die Physik, die sie aneinander festhalten lässt. Eine Liebe so stark, dass sie selbst im grössten Streit noch immer gegenwärtig ist und es ihnen ermöglicht Arm in Arm einzuschlafen, auch wenn sie noch nicht wissen, wie es am nächsten Tag mit ihnen weitergehen soll.

Wenn sie ihn also so voller Bewunderung beobachtet, staunt sie jedes Mal aufs neue. Warum hat dieser Mann von allen Frauen auf der Welt ausgerechnet sie gewählt? Es ist ihr ein Rätsel. Könnte es sein, dass auch er nicht anders konnte? Dass er genauso wenig wie sie mit seinem Verstand entschieden hat? Dass auch er ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, wie der Nord und der Südpol zweier Magnete, die auf ewig miteinander verbunden sind?

Ein halbes Leben später

So traf sie ihn also wieder nach fünfundzwanzig Jahren. Sie hatte ihn schon gesehen, er hatte es nicht bemerkt. Aber sie wollte von ihm gesehen werden. Darum setzte sie sich an einen Tisch und wartete, bis er zu ihr kam. Sie wusste eigentlich nicht so genau, warum sie ihn unbedingt wieder treffen wollte. Sie waren ein paar Monate gemeinsam durchs Leben gegangen, nein, eher gestolpert und schliesslich auf die Nase gefallen. Sie hatte kaum Erinnerungen an diese kurze gemeinsame Zeit. Nur ein diffuses Gefühl. Etwas war schief gegangen. Erwartungen wurden nicht erfüllt. Die Kommunikation stimmte nicht. Und doch waren da kurze Episoden, die wie im Schlaglicht aufblitzen: er spielte Gitarre und sang für sie; sie an seiner Hand in einem Ballsaal. Und dann diese unglückselige Nacht in einem abgelegenen Haus in den Bergen. Die Worte, die er ihr in seiner Frustration an den Kopf warf, lassen sie heute noch zusammenzucken. Sie glaubt sich zu erinnern, dass sie mitten in der Nacht überstürzt aufbrach.

Diese Szene hatte sie vor Augen, als sie ihm nach all den Jahren, in denen sie geheiratet und zwei Kinder gross gezogen hatte, in einem Café am See gegenüber sass. Sie trug Sonnenbrillen, weil sie neuerdings empfindlich auf helles Licht reagierte. Aber auch, weil sie nicht zu viel von sich preisgeben wollte. Sie sah in seinem Gesicht den jungen Mann von damals, in den sie sich verliebt hatte; sah seinen aufmüpfigen, herausfordernden Gesichtsausdruck, an den sie sich gut erinnerte und die funkelnden Augen. Das Lächeln, das gleichzeitig warmherzig und spöttisch war.

Er erzählte, wie es ihm ergangen war in den vergangenen Jahren. Gab ihr keine Möglichkeit einzuhaken. Berichtete über die Prüfungen und Schicksalsschläge seines Lebens als wären es Stationen eines Postenlaufes, die es abzuhaken galt. Kein Wort glaubt sie ihm, wenn er sagt, das sei alles nicht so schlimm gewesen. Zu gut erinnert sie sich daran, wie er schon damals jede Unsicherheit überspielt hat. Er schützte seine Seele so wie sie ihre Augen schützte, die vielleicht ihre Sehnsucht verraten hätten.

Der Abschied fiel ihr schwer. Die Wörter waren ihnen ausgegangen und doch war gar nichts gesagt. Die fehlenden Worte fand sie in der Umarmung, die sie von ihm erbat. In diesen wenigen Sekunden, in denen sie sich in dieser unschuldigsten aller Berührungen begegneten, lag so vieles. Vergebung, Trost aber auch eine Sehnsucht. Sie wussten beide, sie würden das Versäumte nie nachholen können.

Epilog

“Fünfundzwanzig Jahre und sie vergingen dem Jaakob wie ein Traum, wie das Leben vergeht dem Lebenden in Verlangen und Erreichen, in Erwartung, Enttäuschung, Erfüllung und sich aus Tagen zusammensetzt, die er nicht zählt und von denen ein jeder nur das Seine bringt; die in Warten und Streben, in Geduld und Ungeduld einzeln zurückgelegt werden und zu grösseren Einheiten verschmelzen, zu Monaten, Jahren und Jahresgruppen, von denen am Ende eine jede ist wie ein Tag.”  Thomas Mann, Joseph und seine Brüder. Die Geschichten Jaakobs (Fischer, Frankfurt am Main 19998 Seite244)

 

 

Dieser Moment, wenn du merkst, dass du nicht so toll bist, wie du glaubst!

Ich an einem wunderschönen Sommermorgen: Glücklich und selbstverliebt pedale ich auf meinem Poschtivelo durchs Quartier. Beladen mit Broccoli, Salat und Milch.

Er im Sanitärwagen: kommt von rechts auf meine Strasse zu.

Ich, Gutmensch, weil Broccoli und Velo, werde nicht langsamer. Ich fahre schliesslich geradeaus.

Er gibt nach, lässt mich passieren.

Nach einigen Momenten des Triumpfes (Sieg Velo gegen Auto, Frau gegen Mann) realisiere ich: Er kam von rechts! Von rechts! ER hatte Vorrang!!

Ich werde langsamer. Glücksgefühl weg, Scham da; winke mit den Armen, rufe Entschuldigungen.

Er lässt das Fenster herunter; gibt beschwichtigende, versöhnliche Handzeichen und ruft mir: „Ist schon gut!“ nach.

Dieser Moment, wenn du realisierst, dass du einen Fehler gemacht hast, aber dein Gegenüber nimmt’s gelassen. Das ist ein schöner Moment.

 

Glossar:

Poschtivelo = Fahrrad zum Einkaufen mit Körben

Sanitär = Installateur

 

Von der Kunst im Augenblick glücklich zu sein, auch wenn es das Chaos ist.

Was werde ich nicht alles machen, wenn die Kinder aus dem Haus sind! Ins Museum werde ich gehen, statt auf den Spielplatz. Zu einer Lesung, statt ins Rutschenparadies. Mich schön anziehen und mit einer Handtasche ohne Darvida Krümel das Haus verlassen.

Geschichten werde ich schreiben! Ob ich dann noch so viele lustige und traurige Geschichten erlebe?

Auf den Markt werde ich gehen, frische Sachen einkaufen und neue Rezepte ausprobieren! Wer sitzt dann am Mittag hungrig und mit dem Neuesten vom Pausenhof beim Tisch?

Das Haus aufräumen! Wer sorgt dann für Unordnung?

Wenn ich auch angesichts der Berge von Schmutzwäsche manchmal verzweifle, spüre ich doch mit Gewissheit, dass ich nie mehr im meinem Leben so wichtig sein werde für das Glück anderer, ja, selber so glücklich sein werde, wie gerade eben jetzt.

Glossar

Darvida = Cracker; Kohlehydrate Notreserve.

„Fick Dich“ oder „Leck mich am Arsch“ – eine Frage des Alters? Beobachtungen zur angeblichen Verrohung unserer Sprache.

Gerade noch kann ich mich einbremsen. Fast hätte ich zu meinem 12–Jährigen in einem Anflug von Resignation „Ach fick dich doch“ gesagt. Was ist mit mir geschehen? Was ist mit dem Wort geschehen? Als knapp 20-Jährige hätte ich niemals gewagt das F* Wort auszusprechen. Heute bin ich 45 und permanent höre oder lese ich „Fick dich“ oder „Fuck“. Diese Fluchwörter kommen den heutigen Jugendlichen genauso leicht über die Lippen wie meiner Generation damals „Leck mich am Arsch“. Ich kann mir das nur damit erklären, dass das Wort seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Es steht nicht mehr nur für Sex. Es ist eine Ansammlung von Konsonanten mit wenigen Vokalen, die als Fluch ausgerufen, Befriedigung verschafft. Gut zum Dampf ablassen. Wie sonst könnte mein Teenager permanent „Fuck“ oder „Fick dich“ sagen, aber gleichzeitig ausrufen: „Bäh, seid ihr grusig!“, wenn mein Mann und ich uns küssen. Oder sich entsetzt umdrehen, wenn ich nackt aus der Dusche steige. Für ihn hat „ficken“ jeden Bezug zu Sex verloren.

Sprache wandelt sich. Jede Generation braucht ein gutes Sortiment an Wörtern, mit denen es die Erwachsenen brüskieren kann. Das hat auch hervorragend geklappt am Anfang. Als vor einigen Jahren, mein Sohn war gerade mal in der ersten oder zweiten Klasse, die ersten „schlimmen Wörter“ auf dem Schulhof fielen, war ich entsetzt. Das heftigste war wohl „Fick dini Mueter im Grab“. Ja, ich war schockiert – mein Bub auch. Wie reagieren? In meiner manchmal völlig weltfremden und naiven Kümmernatur habe ich ihm jeden einzelnen Fluch, jeden Ausdruck genau erklärt und wir sprachen darüber, wie verrückt das wäre, seine eigene Mutter im Grab zu ficken. Der arme Bub! Ich würde das nie wieder machen! Während die anderen Kinder ungeniert weiterfluchten, nichtsahnend, welchen Bullshit sie da von sich gaben, war mein Sohn der Einzige, der jedes einzelne Wort verstand. Er kränkte sich unendlich. Anstatt ihn in dieser Situation zu beschützen, ihn zu stärken, hatte ich ihn den notorischen Schulhof Bullies ausgeliefert. Nie mehr würde ich so handeln!

In dieser Zeit machte ich mir furchtbare Sorgen, dass der krude Pausenhofslang sich unmittelbar auf den Umgang der Kinder untereinander und in weitere Folge auch auf unsere Gesellschaft auswirken würde. Ich sah die hart erkämpfte (und noch immer nicht hergestellte) Geleichstellung von Mann und Frau den Bach hinabgehen. Frauen würden wieder als Schlampen verunglimpft und zu Sexobjekten reduziert werden. Die Errungenschaften der Schwulen und Lesben würden zunichte gemacht werden, das friedliche Nebeneinander von verschiedenen Nationen wäre gefährdet.

Jetzt ein paar Jahre später, muss ich sagen, ich habe mich völlig unnötig aufgeregt. Sprache verändert sich. Manche Wörter, aufgrund ihrer Schockwirkung gewählt, werden so inflationär gebraucht, bis sie niemanden mehr empören und sich bisweilen von ihrer ursprünglichen Bedeutung völlig loslösen. Manchmal werden sie auch in ihr Gegenteil verkehrt, was folgende Szene nahe legt, die sich unlängst in einem Zürcher Tram abgespielt hat. Ein paar Teenage–Mädchen begrüssten ihre zugestiegene Freundin mit den Worten: „Hey Bitch, wie goats?“ Dabei fielen sie sich herzlich lachend um den Hals, zückten ihre Smartphones und teilten diesen glücklichen Moment mit den anderen Bitches in ihrem Freundeskreis.

© Regina Hanslmayr

Der alte Mann und sein Hund.

Was also musste geschehen, dass ich meinen lang gehegten Wunsch, einen Blog zu schreiben, endlich in die Tat umsetze. Ich erzähle es Euch.

Auf meiner Joggingstrecke begegnet mir seit etlichen Jahren der gleiche Mann, der mit seinem Hund spazieren geht. Wir nicken uns stets freundlich zu, wenn sich unsere Wege kreuzen. Man sagt ja gemeinhin, dass sich Hundehalter und Hund ähnlich sehen. In diesem Fall stimmt dieses Klischee voll und ganz. Der Mann, etwas unordentlich und meist in grauen und schwarzen Kleidern; die Zähne in keinem guten Zustand. Der Hund, eine Art Schnauzer, ebenfalls mit struppigem grau-schwarzem Fell.

Nun passierte es, dass der alte Mann ohne Hund spazieren ging, was mich sehr erstaunte. Ich blieb stehen und fragte ihn, wo denn sein Hund sei. „Gestorben“, sagte der Mann, „nach dreizehn gemeinsamen Jahren.“ Ob er sich denn keinen neuen anschaffen wolle? „Nein, so einen gibt’s kein zweites Mal.“ Als er mir von sich und dem Hund erzählte, fasste er mir ganz leicht und sachte an meinen Oberarm. Dieser kurze intime Moment berührte mich im Innersten. Es war eine unsagbare Zärtlichkeit in dieser Geste und obwohl der Mann nicht besonders gepflegt war, empfand ich seine Nähe nicht als unangenehm.

Ich fragte mich, als ich dann weiterrannte, warum ich nicht zurückgewichen bin, wie in ähnlichen Situationen, in denen mir jemand zu nahe gekommen ist. Noch dazu, wo ich alleine unterwegs war und der Mann, wie schon gesagt, nicht den Eindruck machte, als ob er dem sozialen Mittelstand angehören würde. Der Unterschied lag wohl darin, dass die Berührung ohne jeden Hintergedanken, ohne jede böse Absicht ausgeführt wurde. Sie galt lediglich dem Zweck, einen Moment menschlicher Nähe herzustellen.

Heute habe ich den alten Mann wieder getroffen. Wie üblich nickten wir uns zu. Er trug eine neue Leine um den Hals und verwundert fragte ich ihn, ob er nun doch wieder einen Hund hätte. Er verstand mich wohl nicht und fragte mich seinerseits, ob ich einen Hund gesehen hätte; weiter vorne vielleicht? Wie der Hund denn aussähe, erkundigte ich mich. Er beschrieb einen grossen schwarzen Schnauzer. Da verstand ich plötzlich, dass er seinen verstorbenen Hund suchte. Sicherheitshalber fragte ich nach, wie alt der Hund denn sei. „Dreizehn Jahre“, entgegnete der Mann.

Es macht mich unendlich traurig, dass dieser alte Mann nach seinem Hund nun auch noch sein Gedächtnis verliert.

Diese Geschichte wollte ich Euch erzählen, und davon dass es möglich ist, dass wir Menschen uns ohne Arg begegnen.

© Regina Hanslmayr, im Oktober 2016